In Vorbereitung auf den Gottesdienst für Verstorbene haben sich die Singles des Bezirks zu einer Führung durch den Kasseler Weinbergbunker getroffen. Weitere interessierte Geschwister hatten sich aufgemacht, um ebenfalls diese "Reise in die Vergangenheit" zu erleben.
Es dämmerte gerade, als die Gruppe in die feuchtkalte Dunkelheit des Weinberges eintauchte. Nach und nach gewöhnten sich die Augen an die diffuse Beleuchtung. Der begleitende Guide vom Feuerwehrverein vermittelte in den folgenden zwei Stunden auf ansprechende Weise vielfältige und nachdenklich stimmende Informationen.
Statt Weinlager entstand Lagerstätte für Bier
Schon im 13. Jahrhundert wurde der Weinberg namentlich erwähnt. Tatsächlich wurde dort Wein angebaut – zumindest der Versuch unternommen. Die klimatischen Bedingungen machten die Bestrebungen, einen respektablen Wein ernten zu können, schnell zunichte. Viel später - im 19. Jahrhundert – waren in Kassel viele Brauereien angesiedelt, die den Weinberg nun als mögliche Lagerstätte für ihr frisch gebrautes Bier entdeckten. Nach und nach wurden Stollen in den Berg getrieben, wo mit einer gleichbleibenden Temperatur von 11 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent gute Lagerungsbedingungen für das Gerstengebräu bestanden. Seine wohl wertvollste Bedeutung bekam der Weinberg aber in den Jahren des zweiten Weltkriegs. Die Anlage wurde nun als Schutzraum für bis zu 10.000 Menschen ausgebaut.
Schutzraum während Bombenangriffen
Viele Einwohner des umliegenden Altstadtkerns fanden in den Räumlichkeiten Schutz vor den Bombenangriffen der Alliierten. Neben gedrungenen, hallenähnlichen Gängen, die als Warte- und Schlafräume fungierten, waren auch die kleine Krankenstation, Lüftungsschächte, Notausstiege, die Kommandozentale, Lagerräume und die Sanitäranlagen zu sehen. Alle Räumlichkeiten sind über niedrige, teils enge und lange Gänge verbunden und bilden ein Labyrinth, in dem Orientierung schwerfällt. Der Guide vom Feuerwehrverein ergänzte die persönlichen Eindrücke durch Detailwissen aus überlieferten Berichten.
Platz für Tausende von Kasseler Bürgern
Mehrere hallenähnliche Gänge wurden durchlaufen, wo auf kleinstem Raum bis zu 1.800 Menschen untergebracht waren. Schmale Betten, auf welchen je acht Erwachsene saßen, oft noch mit Kindern auf dem Schoß, dazu kleines Gepäck und etwas Proviant: Männer, Frauen, Kinder, Alte, Kranke, Schwangere, Behinderte, Traumatisierte. Viele davon in Todesangst, wenn die Bomben fielen, die Erde bebte und jeder seine eigenen Sorgen entwickelte, was gerade oberhalb der 35 Meter starken Gesteinsschicht passierte. Eine bedrückende Atmosphäre, die tief berührte.
Gottesdienst für Entschlafene
Am Sonntag, 6. November sollte der Gottesdienst für Entschlafene gefeiert werden, daher wurde diese Führung am Vorabend von den Teilnehmern als passende Einstimmung empfunden.
11. November 2022
Text:
Wolfgang Lengemann
Fotos:
Marco Wagner
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